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Weininvest: Bulle und Bär im Weinhang

Momentan ist viel freifloatierendes Geld rund um den Globus unterwegs. In Zeiten einer Niederzinspolitik sucht das Kapital in allen Ecken nach Unternehmungen, die höhere Renditen versprechen. Jenseits der Finanzmärkte bilden sich daher immer mehr Trampelpfade weg vom Parkett und rein ins volle Menschenleben. „Na, denn prost!“, kann inzwischen mancher Winzer stolz sagen, bei dem ein Teil des Geldstromes gelandet ist. Nachdem vor allem der Bereich Wertpapiere trotz anhaltender Hausse abgefrühstückt ist, hat man auch den Wein als Spekulationsobjekt entdeckt.

Diese Tatsache gab dem Sachbuch von Torsten Schubert den knackigen Titel: „Weininvestment“. Der Wirtschaftsjournalist stieß bei seinen Recherchen zum Spekulationsobjekt Wein besonders bei Vinophilen auf eine ablehnende Haltung. Am Ende konnte er jedoch vorrechnen, daß man beispielsweise mit bestimmten Jahrgängen Chateau Lafite Gewinne von rund 4.400 Prozent und damit 17,3 Prozent Rendite in 25 Jahren erzielen konnte. Da sehen Dow Jones und Dax ganz schön alt aus. Ursache dieser exorbitanten Gewinne ist ein Klientel von internationalen Käufern und Sammlern, die eventuell nach dem Bekanntwerden eines durch Fachpresse ausgelobten Newcomer-Weinguts blitzschnell mit dem LKW anreisen, um ganze Produktionen aufzukaufen. Auch Jahreserträge von hochwertigen Erzeugern wie Robert Weil in Kiedrich sind häufig schon vor der Ernte „auf dem Stock“ ausverkauft.

Wie der von derartigen Spekulanten gehortete Rebsaft schmeckt, ist meistenteils Nebensache. Statt mit dem Korkenzieher hantieren diese Wein-Agenten ausschließlich mit Handy und Laptop.

Vor rund hundert Jahren initiierte der VDP Rheingau Auktionen, um ihre Weine der Öffentlichkeit als Spitzengewächse vorzustellen. Eine sinnvolle und praktikable PR-Maßnahme. Alle fünf Jahre findet neben den jährlichen Veranstaltungen eine außerordentliche Spitzenweinversteigerung statt. Selbst Starauktionatoren von Christie`s London schwingen dann gelegentlich das Hämmerchen. Sensationell sind dabei weniger die exorbitanten Preise für Raritäten, sondern die Gewinnsprünge im Mittelbereich. Und immer noch haben traditionell die Franzosen mit ihren Rotweinen die Nase vorne. Mouton-Rothschild und Château Pètrus sind Namen, aus denen Spekulatenträume sind. Gute Jahrgänge werden schon mal mit Preisen von über 2000 Euro pro Flasche gehandelt. Als Ausweichmärkte beginnen sich Spanien und Californien zu entwickeln.

Wichtigste Drehscheiben in diesem Börsenspiel der Weine sind die Zwischenhändler. Dem Amerikaner Robert Parker, der eine Hundert-Punkte- Skala für Weinwertigkeit entwickelte, wird inzwischen der Spitzname „Bill Gates“ des Weines zugesprochen.

Torsten Schubert warnt vor einem ins Irrationale abdriftenden Markt, der teilweise zu einem „Trinkstau“ bei den Conaisseuren geführt habe. „Weininvestment“ gibt einen Überblick über das Handling bei der Weinspekulation mit Ranglisten, Zinsgraphiken und Musterdepos. Die vinologischen Hinweise reichen von Informationen über Rebsorten, Flaschenformen, Etikettierungen bis zur Lagerung.

Sollte man trotz dieser Insider-Tips mit seinem Flüssigdepot nicht die gewünschte „Perfomance“ erzielen, dann hat der Autor einen tröstlichen Rat: Im Gegensatz zu abgestürzten Börsenpapieren kann man das Spekulationsgut Wein „post Baisse“ immer noch fröhlich auspicheln. Torsten Schubert, „Weininvestment“, Gabler Wiesbaden, 280 Seiten, 49,95 €.

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