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Winzer von Erbach eG

Eine Winzergenossenschaft erfindet sich neu

Soziale Netzwerke sind nicht sein Steckenpferd. Lieber ist ihm das persönliche Gespräch, ob mit Kunden oder seinen Winzergenossen. Ronald Müller-Hagen ist als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Winzer von Erbach eG für eine der letzten Winzergenossenschaften im Rheingau verantwortlich. Entstanden aus der Genossenschaft der Erbacher Weinbauern vertritt der Kollektivbetrieb auch die Interessen der Frauensteiner und seit Neuem auch der Kiedricher Weingenossen. Damit hat sich der bereits seit 20 Jahren amtierende Marketingfachmann Müller-Hagen das Wohl und Wehe von 45 Mitgliedswinzern zu eigen gemacht.

Und der Erfolg bestätigt seinen Weg: Führende Weingazetten haben die Winzer von Erbach mittlerweile zu den besten und zuverlässigsten Winzervereinigungen Deutschlands gekührt und einige ihrer Gewächse mit Punkten geadelt. Sein Rezept ist verblüffend einfach. Die Stärken der Mitgliedsbetriebe im Weinberg veredelt Kellermeister Jochen Bug im modernen Genossenschaftskeller zu besonderen Individualitäten. Die regelmäßigen Bonitouren, das sind externe Begutachtungen der Traubenentwicklung, sind bei den Mitgliedswinzern mittlerweile gerne gesehen. Kein Wunder: Neben kostenfreiem Rat verbessert sich auch kontinuierlich die Auszahlung für das beim Kellerbetrieb Winzer zu Erbach eingelieferte Traubengut.

Die Gemeinschaft des Winzer von Erbach habe schon durchaus familiäre Züge, so Müller-Hagen. Die Bereitschaft, Neues zu entwickeln oder an innovativen Projekten mitzuarbeiten, ist überdurchschnittlich groß. Schließlich habe der Erfolg in der Vermarktung der Flaschenweine zu einem hohen Wir-Gefühl geführt. Im Vergleich zu den Großen der Region fühlen sich nun auch die kleinen Weinbauern ernstgenommen. Denn bei einer Gesamt-Rebfläche von rund 34 Hektar beträgt der Einzelanteil eines Erbacher Genossenschaftswinzer statistisch nur rund einen Dreiviertel-Hektar.

Und natürlich vereinigt die Winzer von Erbach eG höchst unterschiedliche Winzer-Charaktere. Da gibt es den erdverbundenen Kiedricher Winzer Wilfried Pusch, der erst spät zum Weinbau kam. Der ehemalige Bademeister des Rüdesheimer Asbach-Bades gehört mit 70 Lenzen eher zu den experimentierfreudigen Erbach-Genossen. Gerade erst bescherte er der Genossenschaft durch Zukauf eines Weinbergs einen größeren Grauburgunder- Anteil, der insbesondere bei den Freunden des säurearmen Weins geschätzt ist.

Auf der Weinkarte der Genossenschaft findet sich seit kurzem mit einem Riesling-Barrique eine Besonderheit, die bei der Mehrheit der Rieslingfans zu Naserümpfen führen dürfte. Spritzig-fruchtiger Riesling, so die landläufige Meinung, passe nicht zum dominanten Eichenholzton, den viele im Rotwein durchaus zu schätzen wissen. Das Winzer-Ehepaar Iris und Frank Mischlau-Meyrahn setzte mit seinen „Alten Reben“ aus dem Erbacher Siegelsberg den Impuls für ein nicht unumstrittenes Experiment, dem sich der Winzer zur Erbach aber mit Erfolg stellte. Die auf 280 Flaschen limitierte trockene Spätlese aus selektierten Trauben aus über 35 Jahre alten Weinbergen ist nahezu ausverkauft.

Auch der Elektrotechniker und Obstbauer Rudolf Kremer brachte eine Rheingauer Rarität ein. Mit der Rebzüchtung Cabernet Dorio, einer Kreuzung des Cabernet Sauvignon – gelegentlich auch Blaufränkisch genannt – mit der Dornfelder Traube bietet der Winzer von Erbach einen angenehmen roten Allrounder aus dem Rheingau für sechs Euro sechzig. Seine Holznote verdankt er nicht etwa der traditionellen Lagerung im 225 Liter-Eichenholzfass, sondern der Zugabe von Eichenholz-Chips während des Reifeprozesses. In der Diskussion darüber treffen naturgemäß Ökonomie und Ökologie auf Tradition und Tugend, was den Endverbraucher aber vermutlich angesichts des Geschmacks und der Preisgestaltung wenig beeindrucken wird.

Mut und Experimentierfreude zeichnet den Winzer von Erbach heute aus. Das Team rund um Ronald Müller-Hagen und Kellermeister Jochen Bug hat die Feuerprobe längst überstanden. Mit einem Durchschnittsertrag von 79 Hektolitern pro Hektar werden jährlich 270.000 Liter Most verkeltert. Für Interessenten und Besucher des Guts- und Kellereibetriebs am hinteren Erbacher Ortsrand steht das gesamte Sortiment zum Probieren und Mitnehmen zur Verfügung. Die Öffnungszeiten sind zwar nicht die, die sich Freizeitoenologen und Wochenendtouristen wünschen. Wer also unter der Woche zu den nahezu typischen Bürozeiten nicht den Weg nach Erbach findet, kann den Gutsausschank der Winzer von Erbach „Zum Engel“ in der Ortsmitte am Markt aufsuchen. Bei Wildschweinbratwurst etwa oder regionalen Spezialitäten lassen sich auch hier alle Gewächse durchprobieren.

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