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Ludwig Erhard - Sein Leben am Tegernsee

So bekannt Ludwig Erhard als Staatsmann war, so wenig ist von ihm als Privatmann überliefert. Wer weiß schon, dass er in den 1950er-Jahren nach Gmund am Tegernsee zog, wo er auch als Bundeskanzler seinen Zweitwohnsitz und danach seinen Altersruhesitz hatte. Heute liegt Erhard, dessen Todestag sich 2017 zum 40. Mal jährt, auf dem Bergfriedhof in Gmund begraben. Doch welche Spuren hinterließ der mächtige Mann aus der Politik im Tegernseer Tal?

Über den Privatmann Ludwig Erhard weiß man nicht viel – insbesondere, da er ein bescheidener Mann war, der unauffällig lebte. „Er war nie offiziell bei der Gemeinde gemeldet“, sagt Historiker Benno Eisenburg aus Dürnbach. 1953 baute Architekt Sep Ruf das Haus auf dem Ackerberg in Gmund. „In Bonn war die große Politik, die Freizeit am Tegernsee war begrenzt“, sagt Eisenburg. So lebte Erhard während seiner Politikerkarriere vor allem im Sommer sowie an Weihnachten am See. Und wenn er am Jahresende dorthin reiste, erhielt er Besuch von den Einheimischen: „Die Gmunder Bläser haben ihm mit einer Abordnung des Bürgermeisters am Silvester- oder Neujahrstag ein Ständchen gespielt.“

Einer, der Erhard noch persönlich kannte, ist Konrad Babl – besser bekannt als der Bader Babl. Der 87-jährige arbeitet noch immer in seinem Friseursalon in Gmund, den Erhard regelmäßig als Kunde aufsuchte. „Hier saß er immer, der Erhard“, sagt Babl und deutet auf den linken der beiden alten Friseurstühle. „Er war so unkompliziert als Mensch wie kein anderer. Er hatte keine Wünsche und war immer freundlich“, erinnert sich Babl. „Bei seinem Haarschnitt hätte aber auch selbst der Lehrling nichts verkehrt machen können“, ergänzt er schmunzelnd.

„Erhard war im Tal nie ein Fremder.“ Das Tegernseer Tal kannte Erhard bereits aus seiner Studentenzeit, als er mit einem Freund in einem Tegernseer Hotel übernachtete. Im Sommer machte er Ferien, im Winter zahlte er die Schulden. So lernte Erhard das Tal lieben. Und als er später als Politiker dorthin zog, fühlte er sich auch als Zugezogener heimisch. Zum Bader Babl kam der Minister und Kanzler stets ohne Bodyguards – und wie alle anderen von Babls Kunden ohne Voranmeldung. „Wenn möglich, war er ohne Leibwächter unterwegs“, weiß der 87-Jährige. Erhards 20 Leibwächter indes wohnten im Bahnhofshotel, die Hundestaffel war im Feichtner Hof stationiert. Wegen dieser unkomplizierten Art sei Erhard bei den Einheimischen sehr beliebt gewesen. Er habe Fußballspiele im Tegernseer Tal besucht und in den lokalen Geschäften eingekauft, wobei er für seine Frau Luise die Einkaufstüten getragen habe. „Er war ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle“, schwärmt Babl.

Als Erhard als Kanzler zurücktrat, sei er sehr betrübt gewesen. „Doch darauf hat man ihn nie angesprochen.“ Ein Gesetz der Höflichkeit. Dazu gehörte für Babl auch, den Politiker während des Haarschnitts nicht auszufragen: „Er brauchte seine Ruhe.“ Dennoch bekam der Bader Babl so einige Anekdoten mit. Zum Beispiel diese: Immer wenn der Kartoffel- oder Kohlenmann zu den Erhards kam, gab es ein Trinkgeld in Form einer Zigarre. Erhard besaß eine Kiste für sich und eine für Gäste. Und einmal, als er nicht zuhause war, nahm seine Frau eine Zigarre aus der falschen Kiste – aus der mit den besseren Zigarren. Ein Fauxpas.

Geschichten aus lange vergangenen Zeiten. Trotzdem suchen noch heute Urlauber den Bader Babl auf und fragen ihn nach Erhards Grab. Dann tritt der Friseur vor seine Ladentüre und zeigt zum Bergfriedhof hinauf. Ganz klein kann er das Grab von dort aus sehen. Am 5. Mai 1977 starb Erhard im Alter von 80 Jahren in Bonn. Obwohl er seiner fränkischen Geburtsstadt Fürth verbunden blieb, fand er seine letzte Ruhe am geliebten Tegernsee. Erhard war zwar evangelischer Konfession, dennoch liegt er auf dem katholischen Friedhof begraben. Der Gottesdienst des Staatsbegräbnisses fand in der vollen katholischen Tegernseer Schlosskirche statt – die Gmunder Kirche war für ein Begräbnis dieser Größenordnung zu klein. Im Anschluss wurde der Sarg mit militärischen Ehren zum Gmunder Bergfriedhof gefahren. 

Erhards Grab befindet sich etwas abseits am Rand des Friedhofs, eine Tafel weist auf die Ruhestätte des Politikers hin. Ein schlichtes Familiengrab, in dem neben Ludwig Erhard seine Frau Luise, seine Tochter Elisabeth und seine jüngste Enkelin Sabine begraben liegen. Das Haus am Ackerberg blieb übrigens nach Erhards Tod laut Historiker Eisenburg zunächst noch in Familienbesitz, ehe es verkauft wurde. Neben Erhards Grabstätte zeugt aber noch etwas vom prominenten Mitbürger von einst: Der Gmunder Ludwig-Erhard-Platz, der im Mai 2003 mit dem Ludwig-Erhard-Denkmal von Künstler Otto Wesendonck eröffnet worden ist.

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