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Zeitwende am Niederrhein

Was der Krieg am Niederrhein angerichtet hat

Mindestens eine halbe Million Zivilisten verloren im Bombenkrieg gegen das Dritte Reich ihr Leben. Am schwersten wurden nicht die Metropolen getroffen, sondern kleinere Gemeinden. Mehr als eine Milliarde Tonnen Gestein und Schutt – diese Menge Trümmer hinterließ der Bombenkrieg gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg.

Und das ist nur eine vage Schätzung, hochgerechnet aus dem einigermaßen genau dokumentierten Gewicht einiger Schuttberge in Berlin, München und Köln. Mit dem gescheiterten Versuch der Alliierten, im Frühherbst 1944 bei Arnheim mit der Luftlandeoperation „Market Garden“ den Rhein zu überqueren, kam der Zweite Weltkrieg auch der Westgrenze des Kriegsverursachers – des Deutschen Reiches – näher. Die Städte am Niederrhein rückten damit in den Fokus der Alliierten. Es gab immer wieder Luftangriffe, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Wie Kleve und Emmerich, die direkt am Kampfgebiet von „Market Garden“ lagen und wie Arnheim und Nimwegen auch schwer zerstört wurden, kam z.B. auch Wesel schwer unter Beschuss. Beim Wiederaufbau nach der extremen Zerstörung ging es vor allem darum, neuen Wohnraum zu schaffen. Was oft dabei rauskam: angegraute Fassaden, kleine Fenster, vergessene Vorgärten.

Ein Rückblick von Herbert Kleipaß 

 

Der Herbst, Winter und das Frühjahr 1944/45 waren sicherlich mit die schwersten Zeiten für die Städte am unteren Niederrhein, der in dieser Zeit zum unmittelbaren Kampfgebiet wurde.

Am 07. Oktober 1944 wurden die Städte Kleve und Emmerich durch alliierte Bomberverbände zerstört. Unzählige Menschenleben waren zu beklagen und die, die überlebt hatten, wurden evakuiert. Auch die Städte Kalkar, Xanten, Rees und Wesel hatten viele Opfer zu beklagen; die Orte waren alle Trümmerfelder. Auch viele historische Gebäude wurden Opfer des Bombenhagels. Man stelle sich vor: 9 Städte am Niederrhein waren zu über 80 Prozent zerstört!

Viele Ortschaften waren vor dem offiziellen Kriegsende am 08. Mai 1945 besetzt und durch die Alliierten einge nommen. Am 01. April 1945 lebten in Emmerich noch 441 Personen. Die Kanadier erließen ihre ersten Verfügungen und ernannten Hubert Fink zum ersten Bürgermeister der Stadt.

Noch vor der offiziellen Kapitulation begann man am Niederrhein mit den ersten Aufräumarbeiten. Dazu gehörten nicht nur die Räumung verschütteter Wege und Straßen, sondern auch das Einsammeln von Munition, Kriegsgerät und die Bestattung der vielen Toten, die noch unter den Trümmern lagen. Die Wasserversorgung musste wiederhergestellt werden, und die Zwangsbewirtschaftung mit der Ausgabe von Lebensmittelkarten sollte die Mangelwirtschaft organisieren. Denn es fehlten Lebensmittel und Kleidung, aber auch Wohnraum. Kellerwohnungen mit feuchten Wänden und kaum einer Möglichkeit sie zu beheizen waren schon ein Luxus. Auch gab es zu wenig medizinische Versorgung – und das Finanzamt forderte die Steuerpflichtigen auf, die laufenden und rückständigen Steuern baldigst zu zahlen. Als die Menschen aus der Evakuierung in Mitteldeutschland zurückkamen, erkannten sie ihre Städte nicht mehr wieder: es war ihnen nichts geblieben. Im September 1945 fand in Emmerich der erste Schulunterricht statt, nachdem die noch lebenden Kinder die verbliebenen Schulräume selbst aufgeräumt und soweit wie möglich hergerichtet hatten. Der Unterricht fand in mehreren Schichten statt und jede Klasse hatte meist so viele Schüler wie Stühle in den Raum passten. 

Bei den Aufräumungsarbeiten wurden Feldbahnen mit Kipploren eingesetzt, wie man sie aus dem Bergbau kennt. Viele Steine wurden jedoch abgeklopft und gereinigt, damit man sie wieder verwenden konnte. Die Postzustellung musste wieder organisiert werden – während aus der öffentlichen Verwaltung zahlreiche Mitarbeiter durch die Militärregierung entlassen wurden. Zwischen Deutschland und den Niederlanden gab es einen breiten Grenzstreifen der als Niemandsland bezeichnet wurde. Bei Null wieder anzufangen, ob materiell, kulturell oder politisch, brachte viele Menschen an ihre Grenzen. Sie mussten sich neu orientieren, doch war man froh, dem braunen Terror entkommen zu sein und überlebt zu haben. 

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